Joseph Süßkind Oppenheimer – Ein Justizmord

Raquel Erdtmann
Biografische Erzählung
272 Seiten
erschienen im Steidl Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sterne

Vielen Dank an den Steidl Verlag für das Rezensionsexemplar

Eine Geschichte die mich den Atem anhalten ließ

Klappentext:
Nur wenige Stunden nachdem der württembergische Regent Carl Alexander 1737 ganz plötzlich verstirbt, wird sein Geheimer Finanzrat Joseph Süßkind Oppenheimer verhaftet. Die Anklage: Landesverrat. Die Behörden haben Mühe, Belege für Vergehen zu finden, der Prozess zieht sich elf Monate in die Länge, endet aber unumstößlich mit dem Todesurteil. Schon zu Beginn des Prozesses ist die Versteigerung von Oppenheimers Hausrat in vollem Gange: Die besten Schmuckstücke sichert sich der Staat, die schönsten Kleider seiner Geliebten Luciana bringen die ehrbaren Stuttgarter Damen an sich. Aus dem stolzen, selbstbewussten Mann, der an ein rechtsstaatliches Verfahren glaubt, wird in der Haft zunehmend ein Getriebener, der verzweifelt um sein Leben kämpft.

„Joseph Süßkind Oppenheimer-Ein Justizmord“ von Raquel Erdtmann erzählt die Geschichte des Schauprozesses um Joseph Süßkind Oppenheimer der des Mordes angeklagt wurde.
Joseph Süßkind Oppenheimer war seit 1736 Finanzrat des württembergische Regent Carl Alexander. Als dieser plötzlich verstarb wurde Josef Süßkind Oppenheimer verhaftet.
Was folgte war ein Schauprozess wo der Angeklagte zum Tode verurteilt wurde.
1738 folgte die Hinrichtung, danach wurde der Leichnam für 6 Jahre in einem Käfig ausgestellt.
Stichhaltige Beweise, dass Joseph Süßkind Oppenheimer den Regent Carl Alexander ermordet hatte gab es nicht. Sein Vergehen, er war Jude.

Raquel Erdtmann lässt ihre Leser*innen an diesem Prozess teilhaben.
Mit akribischer Recherche hat die Autorin die Details des Prozesses zu Tage gebracht.
Die Autorin lässt ihre Leser*innen aber auch in das erfolgreiche Leben von Oppenheimer blicken. Oppenheimer hat sich für einen Juden in der damaligen Zeit viele Freiheiten herausgenommen. Das war nicht nur den Christen sondern auch seinen eigenen Glaubensbrüdern ein Dorn im Auge. Sein Erfolg rief viele Neider hervor.

Raquel Erdtmann beschreibt das Leben von Joseph Süßkind Oppenheimer sehr authentisch. Dabei bleibt die Autorin immer bei der Realität und verwendet Zitate die er bei ihren Recherchen aufgetan hat. Die Prozessakten waren bis 1918 geheim gehalten worden. Raquel Erdtmann hat Unmengen an Material gesichtet um dieses Buch so realitätsnah wie möglich zu verfassen.
Bei der Beschreibung der vielen Prozesstage hat mir manchmal der Atem gestockt. Ich frage mich wie konnte man diesen Angeklagten ohne handfeste Beweise zum Tode verurteilen. Ich habe selbst, im Rahmen meines Schöffenamts schon an einigen Gerichtsprozessen teilgenommen und bin über diesen Prozess mehr als verwundert. Gut es sind heute andere Zeiten aber auch das entschuldigt diesen Prozess nicht.
Der Untertitel „Ein Justizmord“ passt hier zu hundert Prozent. Denn nichts anderes war der Fall Joseph Süßkind Oppenheimer.

Raquel Erdtmann hat einen flüssige Schreibstil und trotz der ganzen Gerichtsfakten ist das Buch gut verständlich geschrieben.

„Joseph Süßkind Oppenheimer-Ein Justizmord“ ist ein Buch über das man einfach nachdenken muss. Ich habe es mit großem Interesse gelesen.

Gorbach

Hank Zerbolesch
Roman
189 Seiten
erschienen im Steidl Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sterne

Vielen Dank an den Steidl Verlag für das Rezensionsexemplar

Tolle Geschichten über einen Ort und seine Menschen

Klappentext:
Wenn man die Stille zu Hause nicht mehr aushält, geht man in Gorbach auf ein Bier ins „Kippchen“. Oder zum Büdchen um die Ecke. Hier prallen sie aufeinander, am Rand der großen Stadt: Buchhalter, Lehrer, Musikerinnen, Schlachter, Junkies, Lkw-Fahrer, Polizistinnen. Es stellt sich die Frage, ob die Menschen den Ort machen, oder der Ort die Menschen. Der irre Ele, an seine Wohnung und den Rollstuhl gefesselt, erinnert sich an seine ruhmreiche Vergangenheit als stadtbekannter Kleinkrimineller. Filiz hat einen Mitschüler krankenhausreif geprügelt, weil der ihre Mutter beleidigt hat. Eine Radiomoderatorin schließt sich im Studio ein und rechnet on air mit ihrem Chef ab. Dass es zornig und laut zugeht, ist unvermeidlich. Zerbolesch aber findet die leisen und zartfühlenden Zwischentöne, erzählt von Empathie und Hoffnung zwischen Perspektivlosigkeit und alltäglicher Gewalt.

„Gorbach“ von Hank Zerbolesch ist ein Roman über einen Ort und seine Einwohner.

Der Autor malt ein Porträt eines Ortes. Dabei benutzt er verschiedene Charaktere.
Es stellt sich die interessante Frage, machen die Menschen den Ort oder macht der Ort die Menschen:

In dem Ort Gorbach treffen sich die Menschen im Kippchen oder am Büdchen. Hier treffen verschiedene Menschen aus verschiedenen Schichten aufeinander, tauschen sich aus, erzählen aus ihrem Leben.

Hank Zerbolesch hat ihnen je ein Kapitel in seinem Buch gewidmet. Dabei passt er seine Sprache dem jeweiligen Charakter an. Ich hatte beim lesen das Gefühl als spricht die Person direkt mit mir. Das spricht für den vielschichtigen Schreibstil von Hank Zerbolesch den er intelligent eingesetzt hat.

Mich hat jede der Geschichten gefesselt. Die einzelnen Geschichten sind so verschieden wie die Menschen und scheinen unabhängig voneinander doch irgendwie hängen sie zusammen.
Ich finde es interessant dem Ort und den Menschen zuzuhören.

Mit „Gorbach“ ist Hank Zerbolesch ein interessanter Roman gelungen den ich gerne gelesen habe.

Reichlich Spät

Claire Keegan
Kurzgeschichten
55 Seiten
erschienen im Steidl Verlag
Übersetzt aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser
Meine Bewertung:
5 von 5 Sterne

Vielen Dank an den Steidl Verlag für das Rezensionsexemplar

Eine Kurzgeschichte mit Tiefe

Klappentext:
Freitag, der 29. Juli in Dublin. Das Wetter ist wie vorhergesagt, die Stadt vor Cathals Bürofenster liegt in gleißendem Sonnenschein. Nach einem scheinbar ereignislosen Tag mit Budgetlisten und Bürokaffee nimmt Cathal den Bus nach Hause. Die Landschaft zieht an ihm vorüber, die waldigen Hügel, auf denen er noch nie gewesen ist, und er denkt an Sabine. Die ein bisschen schielt und die gut kochen kann, die auch im Winter barfuß am Strand spazieren geht, die die Hügel besteigt. Die zu viel Geld ausgibt und zu viel Raum einnimmt und zumindest über die Hälfte von allem bestimmen will. Die Frau, mit der er hätte sein Leben verbringen können, wäre er ein anderer Mann gewesen.

„Reichlich Spät“ von Claire Keegan ist eine Kurzgeschichte mit sehr viel Tiefe.
Seit ich das dritte Licht“ von der Autorin gelesen habe bin ich von ihrem Schreibstil begeistert.

„Reichlich Spät“ ist eine Kurzgeschichte mit etwas mehr als 50 Seiten. Claire Keegan versteht es auf den Seiten so viel auszudrücken, dass man denkt man kenne die Charaktere schon ewig.

Die Autorin erzählt ihren Leser*innen die Geschichte der Beziehung zwischen Cathal und Sabine. Eine Beziehung die nicht lange hält. Die Geschichte erzählt die Autorin aus der Sicht von Cathal. Dabei streift die Autorin auch das Thema Misogynie (Frauenhass). Nach Sabines Meinung ist das unter irischen Männern weit verbreitet.

Die Geschichte hat nicht viele Seiten und doch Claire Keegan sagt so viel damit aus.

„Reichlich spät“ von Claire Keegan ist eine Geschichte so dicht erzählt, ich habe sie an einem Stück weggesuchtet.

Das Leben der Vivian Maier

Ann Marks
Biografie
365 Seiten
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Nina Fey und Hans-Christian Oeser
erschienen im Steidl Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Steidl Verlag für das Rezensionsexemplar

Die Nanny mit der Kamera

Klappentext:
Heute gehört sie zu den Stars der Straßenfotografie und muss den Vergleich mit Legenden wie Helen Levitt oder Diane Arbus nicht scheuen. Doch zu ihren Lebzeiten hat nie jemand auch nur ein einziges Foto von ihr gesehen. Vierzig Jahre lang hatte Vivian Maier als Kindermädchen gearbeitet und fast wie nebenbei 140 000 Fotos geschossen. Ein beeindruckendes Werk, das sie bis zu ihrem Tod nie jemandem gezeigt hatte. Seit dem sensationellen Zufallsfund ihrer Bilder bei einer Zwangsversteigerung 2007 und der Oscar-nominierten Dokumentation Finding Vivian Maier gingen ihre Fotografien um die Welt, wurden von Kritik und Öffentlichkeit gefeiert und in allen namhaften Galerien ausgestellt. Fotos von den Straßen Frankreichs, Hongkongs, New Yorks und Chicagos der 1950er, 60er und 70er Jahre, die von großer Empathie, von Humor und von einem so feinen Gespür für Licht, Symmetrie und Farben zeugten, dass es schlichtweg unglaublich scheint, die Frau hinter der Kamera sei eine mysteriöse Eigenbrötlerin gewesen. In ihrer sorgfältig recherchierten Biographie nähert sich Ann Marks einer Frau, die vor der elterlichen Zurückweisung, vor Gewalterfahrungen, vor den Sucht- und Geisteskrankheiten ihr Familie geflohen war und ihre Liebe zur Fotografie entdeckte. Es ist eine große Erzählung von Selbstbestimmung, Mut und unbestechlicher Kreativität.

„Das Leben der Vivian Maier“ von Ann Marks ist die Biografie einer begabten Fotografin die ihren Erfolg nicht mehr erleben durfte.

Die Erzählung beginnt 2007 bei einer Zwangsversteigerung. Jan Maloof ersteigerte Kisten mit Fotos um sie vielleicht für ein Buchprojekt verwenden zu können. Schnell wurde ihm klar welchen Schatz er da gefunden hatte. Die Fotografien konnten nicht zugeordnet werden, es war zwar ein der Name Vivian Maier vermerkt aber keine Adresse.
Erst als er eine Todesanzeige in der Zeitung las wusste er, dass die Bilder von der Nanny Vivain Maier gemacht wurden.

40 Jahr lang hat Vivian Maier als Kindermädchen gearbeitet. Ihre Leidenschaft war das Fotografieren. So sind fast 140000 Aufnahmen entstanden.

In ihrem Buch erzählt Ann Marks zum einen über das Leben der Vivian Maier aber auch davon, was die Bilder so genial macht.
Von ihren Eltern hat Vivian keine Liebe erfahren aber oft genug Gewalt. In der Familie gab es Suchtprobleme und Geisteskrankheit. Vivian hat die Familie verlassen und als Nanny gearbeitet.
Ihre Liebe hat sie dem Fotografieren geschenkt.

Mit dem Buch „Das Leben der Vivian Maier“ hat mir Ann Marks eine mir bisher unbekannt und so begabte Frau näher gebracht. Die Biografie wird mit zahlreichen Fotos die Vivien Maier gemacht hat untermalt.
So bekommt man noch mehr ein Gefühl für diese zu Lebzeiten völlig unbekannte Vivien Maier.

Suffragette

Emmeline Punkhurst
Biografischer Roman
335 Seiten
Übersetzt aus dem Englischen von Agnes S. Fabian und Helmut Roemer
erschienen im Steidl Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Steidl Verlag für das Rezensionsexemplar

Der Beginn der Frauenbewegung

Dies ist die Geschichte eines behüteten Mädchens, das unbequeme Fragen stellt, die Geschichte einer mutigen, tapferen Frau, die früh verwitwet ihre fünf Kinder allein durchbringt. Es ist die Geschichte von Emmeline Pankhurst (1858–1928), die sich so gründlich über die Verhältnisse in ihrem Land empörte, dass sie zur bekanntesten und radikalsten der »Suffragetten« wurde. Diese Frauen kämpften vor dem Ersten Weltkrieg für ihr Wahlrecht und versetzten damit nicht nur die englischen Männer in Angst und Schrecken. 1903 gründete Pankhurst die radikal-bürgerliche Woman’s Social and Political Union (WSPU) und schlug von da an in der bisher so friedlichen wie erfolglosen Frauenbewegung neue Töne an. Frauen organisieren Blockaden, ketten sich an Zäune und Gebäude, und die Obrigkeit reagiert mit Gewalt: Demonstrantinnen werden verprügelt und verhaftet, es kommt zu Hungerstreiks und Zwangsernährung, im Gegenzug werfen die Anhängerinnen Pankhursts Bomben und legen Brände.

Mit „Suffragette“ erzählt Emmeline Pankhurst die Geschichte ihres Lebens.
Das Buch ist schon 2016 im Steidl Verlag erschienen und wurde jetzt noch einmal im Taschenbuchformat veröffentlicht.

Wer hat den Namen Emmeline Pankhurst nicht schon einmal gehört. Ich bin in einigen Historischen Romanen schon darüber gestolpert.
Sie war auch in Deutschland als Kämpferin für die Frauenrechte bekannt.

Emmeline Pankhurst (1858–1928) ist eigentlich als ein behütetes Mädchen aufgewachsen. Doch schon früh fing sie an Fragen zu stellen und in Frage zu stellen warum eine Frau dies und jenes nicht darf.

Emmeline Pankhurst beginnt ihre Geschichte in den Mädchenjahren und erzählt wie es dazu kam, dass sie zur Suffragette wurde.
Der frühe Tod ihres Mannes und das alleinstehen mit 5 Kindern hat wohl auch dazu beigetragen.
Emmeline Pankhurst, der sich immer mehr Frauen anschlossen kämpfte für das Wahlrecht der Frauen. Die Frauen gingen auf die Straße, errichteten Blockaden. Ich heiße nicht alles gut was sie gemacht haben.
1913 wurde Pankhurst wegen eines Bombenanschlags verurteilt. Dies löste wiederum Straßenschlachten aus.
Der Beginn des Frauenwahlrechts in England hat Emmeline Pankhurst nicht mehr erlebt. Sie starb 18 Tage vorher.

Emmeline Pankhurst erzählt die Geschichte in einer gemütlichen Geschwindigkeit. Die Lerser*innen bekommen einen guten Eindruck vom Stand der Frau zu dieser Zeit. Man hat Einblick in Gedanke von Emmeline Pankhurst und wie sie die Welt für Frauen verbessern möchte. Die Umsetzung ist sicher nicht immer richtig. Aber eine Frau musste zu dieser Zeit lauter Schreien als alle Männer zusammen um sich Gehör zu verschaffen.

„Suffragette“ von Emmeline Pankhurst ist ein interessantes Buch das mir einen guten Einblick in die Suffragettenbewegung gegeben hat.

Frankfurt Bilder

Barbara Klemm
Sachbuch/Fotografie
294 Seiten
erschienen im Steidl Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Steidl Verlag für das Rezensionsexemplar

Ein ganz besonderer Bildband

Pünktlich zur Ausstellung Barbara Klemm – „Frankfurt Bilder“ im Historischen Museum in Frankfurter ist im Steidl Verlag das gleichnamige Buch erschienen.
Barbara Klemm war 1970 bis 2005 als Redaktionsfotografin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig.
Ihr Leben ist eng mit der Mainmetropole verbunden.
Für dieses Buch hat die Fotografien ihre beeindruckendsten Bilder ausgesucht.

Barbara Klemm hat immer eine kleine Kamera in ihrer Tasche.
So sind ihre Bilder oft unbemerkt entstanden.
Barbara Klemm fotografierte die Bilder alle in schwarz-weiß.
Die Bilder wirken lebendig und sind von einer besonderen Ästhetik

Für mich als Frankfurterin ist es eine Zeitreise durch meine Stadt.
So sind in dem Bildband Bilder von schönen Plätzen in Frankfurt und der Hochhaus Silhouette.

Bilder von den Studentenunruhen der 1960er/1970er Jahre oder Demonstrationen gegen die Startbahn West. Und natürlich darf die Frankfurter Buchmesse nicht fehlen.
Es sind auch Bilder die einfach das Leben in der Stadt oder Menschen bei ihrer Arbeit
Die Bilder sind oft in einem großen Format und dabei noch gestochen scharf.

„Frankfurt Bilder“ von Barbara Klemm ist ein schöner Bildband für alle Liebhaber schöner Fotografien und für Menschen die ein Herz für Frankfurt haben.

Übertretung

Louise Kennedy
Roman
320 Seiten
Übersetzt aus dem Englischen von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser
erschienen im Steidl Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Steidl Verlag für das Rezensionsexemplar

Übertretungen

Jeden Tag, während Cushla Lavery ihrer alkoholkranken Mutter das Frühstück macht, sich im Garten mit dem Nachbarn unterhält, ihre Grundschüler unterrichtet oder in der Bar ihrer Familie aushilft, werden die Toten und die Verletzten gezählt. Es ist 1975, und in Belfast eskaliert der Bürgerkrieg. Die katholischen Laverys betreiben ihren Pub in einer überwiegend protestantischen Vorstadt. Sie müssen vorsichtig sein, ein falsches Wort, schon findet man sich auf einer Todesliste wieder. In diesem Höllenloch gibt es vieles, was man besser nicht tut. Sich in einen verheirateten Mann verlieben, der nicht nur ein wohlhabender, angesehener Prozessanwalt ist, sondern auch noch Protestant. Sich einmischen, wenn ein Schüler schikaniert und sein Vater fast totgeprügelt wird. Gegen jede Vernunft beginnt Cushla eine leidenschaftliche Affäre mit dem deutlich älteren Michael Agnew, gegen jede Vernunft setzt sie sich für den kleinen Davy ein und bezahlt einen hohen Preis.

„Übertretung“ von der irischen Autorin Louise Kennedy führt die Leser*innen nach Belfast zur Zeit des Bürgerkriegs.
Täglich gibt es viele Tote und Verletzte.
Cushla Lavery sie ist Lehrerin, katholisch und hilft zwischendurch im Pub der Familie aus.
Das Pub liegt in einer Vorstadt von Belfast die vorwiegend evangelisch geprägt ist.
Der Hass zwischen Katholiken und Evangelisten ist deutlich spürbar.
Cushla muss aufpassen was sie sagt und mit wem sie redet. Da ist einmal ihr Bruder, der das Pub führt und sie ständig überwacht und dann ist da die Meute die im Bürgerkrieg Menschen ermordet.
Doch Cushla hält sich nicht an die Regeln. Sie überschreitet die unsichtbare Linie mehrmals.
Sie hängt sich in die Familienangelegenheit eines Schülers. Ihr Schüler wird von den Schülern gemobbt und zu Hause geprügelt.
Als gute Lehrerin kann man da nicht wegsehen.
Im Pub lernst sie den verheirateten Anwalt Michael kennen der auch noch evangelisch ist und verliebt sich in ihn.
Cushla und Michael beginnen eine Affäre.

Louise Kennedy lässt die Leser*innen tief in das Belfast 1975 eintauchen.
Man spürt die Hoffnungslosigkeit, die Arbeitslosigkeit und den vielen Alkohol der konsumiert wird.
Die Menschen sind manchmal starr vor Angst. Man kann keinem vertrauen.
Die Protagonisten sind sehr authentisch gezeichnet.
Cushla Lavery versorgt ihre alkoholabhängige Mutter. Hier kommen all die Probleme von Alkoholsucht auf.
Auch bei ihrer Affäre mit Michael kann man die Gedanken und Gefühle von Culsha gut nachvollziehen.

Louise Kennedy erzählt die Geschichte mit Spannung. Gefühle der Protagonisten kann sie sehr gut vermitteln.
Die angespannte und bedrückende Atmosphäre die zu der Zeit in Belfast herrscht kommt deutlich rüber.
Im Anhang gibt es noch Anmerkungen, nicht alle Begriffe sind für nicht Irren so leicht zu verstehen.
Die Geschichte hat mich auch oft veranlasst Google zu fragen. Ist mir der Bürgerkrieg in Belfast doch nicht so geläufig.

„Übertretung“ ist ein facettenreicher Roman der mich schon des Öfteren bedrückt hat.

Meine langen Nächte

Ilva Fabiani
Historischer Roman
272 Seiten
Übersetzt aus dem Italienischen von Birgit Ulmer
erschienen im Steidl Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Steidl Verlag für das Rezensionsexemplar

Eine Lebensbeichte

Anna Alrutz ist ein beliebiges blondes Mädchen, wie sie selbst findet. Als älteste Tochter einer wohlhabenden Familie verbringt sie glückliche Sommer im kleinen Kurort Salzgitter. Hier zankt sie sich mit ihrem Bruder Willi, streift mit ihrer besten Freundin Helene durch die Wälder, trifft ihre erste große Liebe. Dass Anna sich schon früh für den Nationalsozialismus begeistert, können die liberalen Eltern nicht verhindern. Auch nicht, dass sie ihr Medizinstudium abbricht und eine NS-Schwester wird. An der Universitätsklinik Göttingen praktiziert sie, was Hitler per Gesetz angeordnet hat: die Zwangssterilisation erbkranker Frauen und Männer. Anna meint, das Richtige zu tun. Doch als sie sich in den französischen Medizinstudenten Thierry verliebt, und Helene in die Klinik eingeliefert wird, gerät ihre Überzeugung ins Wanken. Sie schließt sich einer Gruppe an, die Patientinnen zur Flucht verhilft, und muss bald eine folgenschwere Entscheidung treffen. Meine langen Nächte ist die Geschichte einer ideologischen Verirrung, aber auch eine Geschichte des Mitgefühls und der späten Einsicht: die anrührende literarische Lebensbeichte einer jungen Frau.

„Meine langen Nächte“ von Ilva Fabiani ist die Lebensbeichte einer Frau.

Im Mittelpunkt steht Anna Alrutz.
Gleich zu Beginn sagt Anna den Satz: „ Ich war noch keine 30 Jahre alt, als ich starb, in einer Dezembernacht (Seite 8).
Wir Leser*innen schauen auf das Leben von Anna zurück.

Anna wächst gut behütet mit zwei Geschwistern in einer wohlhabenden Familie auf.
Ihr Vater ist Arzt. Die Mutter und die Schwestern leiden an einer Erbkrankheit. Vielleicht hat das den Anstoß an ihrem Denken gegeben.

Anna studiert Medizin, bricht das Studium allerdings ab.
Sie ist eins mit dem Nationalsozialismus und wird eine „braune Schwester“.
Als Hitler die Zwangssterilisation für erbkranke Frauen anordnet erscheint Anna das richtig.
Sie ist bei vielen Zwangssterilisationen dabei. Ihr kommt nie in den Sinn welches Unrecht sie und die Ärzte begehen.
Erst als sie sich in den Medizinstudenten Thierry verliebt und auch ihre Freundin Helene in die Klinik eingewiesen wird kommen ihr erste Zweifel.
Nun schließt sich Anna einer Gruppe an die Patientinnen zur Flucht verhilft.
Anna wird vom Saulus zum Paulus.

Ilva Fabiani erzählt die Geschichte aus Sicht von Anna.
Sie Blickt nach ihrem Tod auf ihr Leben zurück und legt praktisch eine Beichte über ihren Irrweg ab. Sie sieht aber auch die Gegenwart und stellt Thesen für die Zukunft auf.
Das macht das Buch nicht unbedingt zu einer einfachen Lektüre, ist aber eine interessante Herangehensweise.

Mir war Anna trotz ihrer Gesinnung nicht unbedingt unsympathisch.
Vielmehr hat die Autorin aufgezeigt, was einschlägige Propaganda mit jungen Menschen anstellen kann.
Ilva Fabiani hat den Zeitgeist sehr realitätsnah eingefangen.
Dabei finde ich sehr gut, dass die Autorin keine Meinung zu dieser Zeit äußert. Es geht weder ins Positive noch ins Negative.
Die Leser*innen können sich vorbehaltlos ihre eigene Meinung bilden.

Der Schreibstil von Ilva Fabiani ist gut verständlich aber nicht immer einfach zu lesen.
Man muss sich zeit für die Geschichte nehmen und sie auf sich wirken lassen.
Belohnt wird man mit einer interessante Geschichte aus eine ungewöhnlichen Sicht erzählt.

Die Mütter

Stefan Györke
Roman
224 Seiten
erschienen im Steidl Verlag
Meine Bewertung:
4 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Steidl Verlag für das Rezensionsexemplar

Interessante Einblicke in eine fremde Kultur

Klappentext:

Im wohlsituierten Zürcher Bürgertum werden Jessy, Chloé und Clara von der chinesischen Nanny Atscho großgezogen. Atscho stammt vom Volk der Mosuo, bei dem die Mütter das Sagen haben, die Väter nicht der Rede wert sind und die Schwestern immer zusammenbleiben. Die Mutter der drei Töchter, die Ethnologin Sylvia Hofmann, hatte das kleine Matriarchat im chinesischen Himalaya erforscht und die junge Mosuo als Kindermädchen mit nach Zürich gebracht. Denn weder die häufig reisende Mutter noch der vielbeschäftigte Vater haben Zeit für die Kinder. Die Geschichten, die Atscho aus ihrer Heimat erzählt, und der unbedingte Zusammenhalt, der das Rückgrat der matriarchalen Familie der Mosuo bildet, faszinieren die Mädchen und sie beschließen, ihre eigene Schwestern-Familie zu gründen. Als aus den Töchtern Mütter werden, entspringen ihre sechs Kinder daher Gelegenheitsbekanntschaften nach dem Vorbild der Besuchsehe der Mosuo. Drei Mütter, eine Atscho, keine Väter, eine Oase der Frauen inmitten der Schweizer Bourgoisie. Als jedoch der wahre Grund für Atschos Emigration ans Licht kommt und der älteste Sohn Anton gegen die unkonventionelle Lebensform der Mütter immer stärker aufbegehrt, droht die Familie zu zerbrechen.

„Die Mütter“ von Stefan Györke gibt einen guten Einblick in die Kultur der Mosuo.

Im Mittelpunkt steht Atscho, eine Frau der Mosuo die im Südwesten Chinas beheimatet sind.
Die Ethnologin Sylvia Hofmann nimmt Atscho auf deren Wunsch mit in die Schweiz.
Dort soll sie für die Erziehung von Sylvias Kindern zuständig sein. Sylvia reist beruflich viel und ihr Mann ist auch beruflich sehr eingespannt so, dass für die Kinder eigentlich keine Zeit bleibt.
Schnell sieht Atscho die 3 Töchter der Familie als ihre eigenen Kinder an und erzieht sie nach ihrer Kultur.
Die Mädchen lauschen gerne wenn Atscho von ihrer Heimat erzählt.
Als erwachsene Leben sie so, wie Atscho es ihnen vormacht.
Sie Leben als Schwestern eng zusammen. Bekommen Kinder von verschiedenen Männern.
Und wie es bei den Mosuo üblich ist spielen die Männer keine Rolle in ihrem Leben.
Bei den Mosuo haben in familiären Dingen die Frauen das Sagen.
So kommt die und fremde Kultur in die Schweiz.

Stefan Györke bringt diese Kultur seinen Leser*innen auf eine unterhaltsam und doch sehr interessante Weise nahe.
Vor diesem Buch hatte ich nie von den Mosuo gehört. Das Buch hat mich neugierig gemacht und ich habe im Internet etwas recherchiert. Die Kultur existiert wirklich wie in der Geschichte beschrieben.
Stefan Györke hat das sehr gut eingefangen. Die Geschichte wird einmal in auktorialer Perspektive erzählt und einmal kommt Anton, ein Sohn der Mütter zu Wort.
Das macht die Geschichte facettenreich.
Der Schreibstil des Autors ist leicht verständlich.
Nach einigen Seiten war ich von der Geschichte gefangen.

„Die Mütter“ ist ein interessanter Roman der den Leser*innen eine ganz andere Kultur näher bringt.

Koller

Annika Büsing
Roman
174 Seiten
erschienen im Steidl Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Steidl Verlag für das Rezensionsexemplar

Tiefgründig

Zum Inhalt:

Der Zufall will es, dass Chris und Koller sich begegnen und eine Zuneigung zueinander spüren.
Die zwei ganz unterschiedliche Personen begeben sich in einem alten Polo II auf einen Trip an die Ostsee.

Aus diesem Kurztrip wird ein Roadtrip der sie von Ludwigsburg durch das von der Flut getroffene Ahrtal nach Hannahhausen und dann schließlich zu einem Dorf an der Ostsee führt.
Koller möchte dort den Fischteich seiner Großmutter wieder beleben.
Doch dieses Vorhaben scheint zum Scheitern verurteilt wie so vieles in seinem Leben.

„Koller“ von Annika Büsing hat mich genauso begeistert wie ihr vorheriger Kurzroman „Nordstadt“.

Die beiden Charaktere werden sehr gut herausgestellt.
Sie sind total unterschiedlich.

Chris ist eher der Vernünftige. Er plant alles und denkt über alles nach. Vielleicht denkt er manchmal zu viel nach.

Koller lebt im hier und jetzt. Er handelt erst und denkt dann, wenn er überhaupt denkt.
Er will praktisch immer mit dem Kopf durch de Wand.
Wahrscheinlich ist deshalb in seinem Leben schon so viel schiefgelaufen.

Der Zufall will es und Chris und Koller begegnen sich und verlieben sich.
Ohne das die Beiden etwas voneinander wissen begeben sie sich auf einen Roadtrip.
Auf ihrer Fahrt durch Deutschland lernen sie sich etwas näher kennen.
Sie machen Erfahrung mit der Liebe und mit der Eifersucht.

„Koller“ ist eine Geschichte über Liebe, Eifersucht und die eines Roadtrips.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Chris.
Im Laufe der Geschichte erfährt man immer mehr von den Protagonisten lernt sie besser kennen.

Annika Büsing hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf.
Sie bringt immer alles sofort auf den Punkt.
So sind die 174 Seiten vollgepackt mit den Gefühlen und Emotionen der beiden Charaktere und mit den Widrigkeiten ihrer Fahrt.
Annika Büsing besticht durch ihre wunderschönen Sprache.
Die Erzählung hat manchmal fast etwas philosophisches.

„Koller“ ist eine schön zu lesende Geschichte, die mich wieder einmal richtig begeistert hat.