Alice Horáčková
Roman
880 Seiten
Übersetzt aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff
erschienen im Diogenes Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar
Meisterhaftes Porträt über Identität, Familie und das fragile Zusammenleben im Sudetenland
Zum Inhalt:
Die Geschichte spielt in Benetzko, einem malerischen, aber von geopolitischen Verwerfungen zerrissenen Bergdorf im Sudetenland. Über mehrere Generationen hinweg werden den Leser*innen die Auswirkungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs vermittelt. In Benetzko leben sowohl Menschen deutscher Herkunft als auch Menschen tschechischer Herkunft.
Das Zusammenleben ist freundlich und nachbarschaftlich. Doch mit dem aufkeimenden Nationalismus bekommt das Zusammenleben Risse, die mit der Zeit immer tiefer werden.
Alice Horáčková erzählt mit ihrem Roman „Geteiltes Haus“ ein Stück ihrer eigenen Familiengeschichte. Durch die Recherche in alten Briefen, Memoiren, Archivfunden und vergilbten Zeitungen rekonstruierte sie das Schicksal ihrer eigenen Vorfahren.
Die Protagonisten zeichnen sich durch eine bemerkenswerte psychologische Tiefe aus.
Die Charaktere sind keine Helden, sondern Menschen mit Widersprüchlichkeiten, Fehlern, Zweifeln und Geheimnissen.
Im Mittelpunkt stehen die beiden Frauen Zdenka und Anežka.
Zdenka ist tschechischer Herkunft und Anežka ist deutscher Herkunft.
Es sind zwei stolze Frauen, die trotz der Kriegswirren ihre Freundschaft nicht aufgeben.
Die männlichen Charaktere sind getrieben von patriarchalen Mustern.
Auch die Nebenfiguren, von Fabrikanten bis zu Deserteuren, werden stark in die Geschichte eingebunden.
Alice Horáčková beschreibt das raue, neblige Riesengebirge so plastisch, dass die Landschaft selbst wie ein eigener Charakter wirkt.
Zu Beginn der Geschichte verfolgen die Leser*innen ein lebendiges, ländliches Treiben.
Die Atmosphäre wird, je mehr man in die Geschichte eintaucht, bedrückender.
Misstrauen und Angst greifen um sich und sind fast körperlich zu spüren.
Alice Horáčková erzählt die Geschichte in einem ruhigen Ton. Sie verzichtet bewusst auf Effekthascherei, bei ihr sind es die leisen Töne, die die Leser*innen aber mitten ins Herz treffen.
Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und gut verständlich. Die Beschreibungen von Alice Horáčková sind sehr detailreich und man bekommt schnell Bilder in den Kopf. Der Autorin gelingt es, die komplexen historischen Konflikte zwischen Deutschen und Tschechen greifbar zu machen, ohne eine Partei zu ergreifen.
„Geteiltes Haus“ ist ein opulenter, schmerzhafter und zugleich wunderschöner Familienroman. Ein Roman, der noch lange nachwirken wird.
