Geliebte Mutter

Çiğdem Akyol
Roman
236 Seiten
erschienen im Steidl Verlag
4 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Steidl Verlag für das Rezensionsexemplar

Ein emotionaler Roman

Klappentext:
Als Aynur mit Alvin verheiratet wird, blühen in Istanbul die Tulpen. Aynur ist 19 Jahre alt, trägt gerne Schlaghosen und taillierte Blusen und hat für Frauen mit Kopftuch nur Spott übrig. Alvin, ein Mann vom Dorf, ungebildet und aus einer frommen Familie, arbeitet in Deutschland unter Tage. Almanya ist eine Verheißung, die Aynur nie gelockt hat, doch ihr Bruder will sie aus dem Haus haben und sie muss sich fügen. Die Geschwister Meryem und Ada sind längst erwachsen als Alvin stirbt. Für sie ist es ein glücklicher Tag. Zu tief sind die Wunden, die ihnen beide Eltern in ihrem gemeinsamen Unglück zugefügt haben. Çiğdem Akyol erzählt von den Folgen einer erzwungenen Ehe, vom Verlust von Identität und einer andauernden Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Heimkehr. Die Geschichte zeigt aber auch, wie es Ada und Meryem gelingt, aus Klassenschranken auszubrechen, sich selbst zu behaupten und aufzusteigen. Tragik, Hoffnung und Freude stehen in diesem Roman eng nebeneinander.

„Geliebte Mutter“ ein bewegender und emotionaler Roman von Çiğdem Akyol.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Meryem erzählt. Es ist die Geschichte ihrer Familie. Die Eltern Aynur und Alvin und den Kindern Meryem und Ada. Aynur hat eine moderne Lebenseinstellung, Alvin hingegen ist ungebildet und hält an Traditionen fest. Es ist eine Familie die von Gewalt geprägt ist.
Die Eltern wurden jung geheiratet. Die Mutter Aynur musste mit ihrem Mann nach Deutschland, in ein Land in das sie nicht gewollt hatte. Die Gewalt begann schon in der Hochzeitsnacht, als Aynur von ihrem Mann vergewaltigt wurde. Diese Gewalt hat in den 50 Jahren die, die Beziehung überdauerte nie aufgehört. Auch vor den Kindern hat die Gewalt keinen Halt gemacht. So war der Tod des Vaters für Meryem eher eine Erleichterung statt Trauer.

Çiğdem Akyol hat bereits einige politische Sachbücher veröffentlicht, die mit Preisen gekürt wurden. „Geliebte Mutter“ ist der erste Roman der Autorin.

Die Autorin versteht es ihre Leser*innen zu fesseln. Man taucht tief in das Leben der Familie ein. Meryem erzählt uns ja praktisch ihre Geschichte. Man spürt das Trauma, dass sie vom Leben in der Familie zurückbehalten hat. Begonnen hat die Gewalt durch den Vater aber auch die Mutter hat oft Schläge bei den Kindern angewandt. Oft habe ich mich gefragt, warum Aynur nicht mit den Kindern ihren Mann verlassen hatte. Aber ich stelle mir das als türkische Frau in einem anderen Land schwer vor. So war sie nicht erzogen.
Meine Gefühle beim Lesen waren oft Entsetzen und Traurigkeit.

Çiğdem Akyol hat einen flüssigen und gut verständlichen Schreibstil. Ihre Sprache ist ausgewählt und fein. Dabei erzählt sie die Geschichte von Meryem schonungslos.
Die Charaktere wirken sehr lebendig und waren mir nahe. Das hat meine Bestürzung oft noch stärker gemacht.

„Geliebte Mutter“ ist ein sehr emotionaler Roman, den ich trotz des schweren Themas sehr gerne gelesen habe.

Jenseits aller Zeit

Sebastian Barry
Roman
278 Seiten
erschienen im Steidl Verlag
Übersetzt von Hans-Christian Oeser
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Steidl Verlag für das Rezensionsexemplar

Ein fesselnder Roman

Klappentext:
Nach vierzig Jahren als Kriminalbeamter wird Tom Kettle in seinem neuen Zuhause angespült, einer kleinen Einliegerwohnung im Anbau einer viktorianischen Burg, mit Blick auf den Coliemore Harbour und die Irische See. Am liebsten sitzt er in seinem Korbsessel, raucht Zigarillos und schaut durchs Panoramafenster aufs Meer. Sich nicht zu rühren, glücklich und nutzlos zu sein, ist für ihn Sinn und Zweck des Ruhestands. Schon seit Monaten hat er kaum eine Menschenseele gesehen, als an einem stürmischen Frühlingsnachmittag zwei ehemalige Kollegen an seine Tür klopfen und ihn zu einem alten Mordfall befragen wollen. Ein traumatischer Fall, der alte Wunden aufreißt, denn, nichts war so, wie behauptet wurde. Die Wahrheit eingeschlossen. Die Gardaí. Das Land. Tom Kettle ist ein unzuverlässiger Zeuge und ein unzuverlässiger Erzähler. Seine Welt ist ein Ort voller Trauer und leisem Humor. Hier verweilen die Geister seiner Frau und seiner Kinder, verschwimmen Pflicht und Gerechtigkeit, geht die Erinnerung ganz eigene, verschlungene Wege.

„Jenseits aller Zeit“ ist ein fesselnder Roman von Sebastian Barry.

Der Autor erzählt die Geschichte von Tom Kettle. Er war Kriminalbeamter und ist jetzt im Ruhestand. Sein weiteres Leben stellt er sich einsam und gemütlich vor. Einsam, weil er es will. Ihm reicht es in seinem Sessel zu sitzen und die See zu beobachten. Doch eines Tages stehen zwei ehemalige Kollegen vor der Tür und wollen Einzelheiten über einen alten Fall von Tom erfahren. Einem grausamen Fall, bei dem nichts war, wie es anmutete.

Sebastian Barry spricht mit dem alten Fall ein heikles und aktuelles Thema an. Es geht um Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen und kirchlich unterstützten Organisationen. Die Wahrheit kam nie ans Tageslicht. Überall wurde einiges vertuscht. Was bekannt ist, entspricht nicht unbedingt der Wahrheit. Wie viele Missbrauchsfälle noch gar nicht aufgedeckt sind, kann man nur ahnen. Auch Toms Erinnerungen entsprechen nicht mehr ganz der Realität. Den bei so einem Fall versucht man einiges mit der Zeit zu verdrängen.

Die Geschichte hat mich gefesselt, war aber doch manchmal, dem Thema geschuldet, schwer zu lesen.
Sebastian Barry hat den Leser*innen aber eine Brücke gebaut, indem Tom zwischendurch von der See und dem schönen Irland erzählte. Auch hat Tom den für Irland typischen Humor. Das hat bei dem schweren Stoff enorm geholfen. Auch Tom hat das bei seinen Erinnerungen geholfen, die für ihn nicht immer leicht zu ertragen waren.

Sebastian Barry hat einen flüssigen und gut verständlichen Schreibstil. Trotz des schweren Themas versteht er es, die Leser*innen zu fesseln.

„Jenseits aller Zeit“ ist mein erstes Buch von Sebastian Barry, gerne lese ich wieder ein Buch des Autors.



Die Wildblütentochter

Tessa Collins
Roman
525 Seiten
erschienen im Ullstein Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Ullstein Verlag für das Rezensionsexemplar

Auch der 2. Band überzeugt

Klappentext:
Soley hat alles, was sie sich je erträumt hat: Erfolg, Geld, einen gutaussehenden Freund. Doch obschon von den Fans bejubelt, fühlt sich die Sängerin auf der Bühne so allein wie noch nie. Als nach dem Tod ihrer Großmutter Rose auf dem Familienanwesen das Ölgemälde einer Frau auftaucht, die aussieht wie sie, glimmt eine Sehnsucht in ihr auf. Sie muss herausfinden, wer diese Frau war und was sie mit ihr zu tun hat. Auf eigene Faust folgt sie den Spuren des Bildes nach Island, und sie taucht ein in die Geschichte eines Landes, mit dem sie tiefer verbundener ist, als sie es je hätte ahnen können


„Die Wildblütentochter“ ist der 2. Band der Blumentöchter-Saga von Tessa Collins.
Tessa Collins ist das Pseudonym von Silke Ziegler die mich schon mit ihren Krimis und der Purpurküsten-Reihe begeistert hat.

Nachdem mir der 1. Band „Die Blumentöchter“ so gut gefallen hat, bin ich neugierig auf die Folgebände.

Tessa Collins entführt ihre Leser*innen nach Cornwall und nach Island.
Im Mittelpunkt steht Soley. Sie ist Sängerin und wird von ihren Fans bejubelt. Aber trotzdem ist in ihr eine Einsamkeit, die sie nicht zuordnen kann.
Wie schon Dalia zuvor, macht auch Soley nach dem Tod der Großmutter Rose eine Entdeckung. Bei ihr ist es das Ölgemälde einer Frau, die Soley zum Verwechseln ähnlich sieht.
Soley findet heraus, dass die Spuren der geheimnisvollen Frau nach Island führen. So reist Soley kurzentschlossen nach Island, um nach ihren Wurzeln zu suchen und vielleicht ihre innere Einsamkeit zu füllen.

Tessa Collins versteht es Charaktere zu zeichnen und durch die Geschichte zu führen. Vor allem hat mir in diesem Band natürlich Soley gefallen. Auch die Großmutter Rose ist mir, auch wenn sie nicht mehr lebt sympathisch. Sie scheint überall Spuren für ihre Enkelinnen ausgelegt zu haben. So hat sie Dalia nach Mexico und Soley nach Island geschickt. Die Spannung, was die anderen Enkeltöchter erleben werden ist bei mir groß.

Ich habe Soley gerne auf ihrer Reise begleitet. Es war schön mitzuerleben, wie sich Soley entwickelt. Obwohl ich sie manchmal gerne etwas angetrieben hätte, wenn sie zu zögerlich war. Auch den Streit mit Jon hätte ich ihr voraussagen können. Denn sie hat ihm ihre wahre Identität lange verheimlicht.

Zwischen den einzelnen Kapiteln gibt es Reisen wie in die Vergangenheit so, dass die Leser*innen auch einiges von der Frau auf dem Gemälde erfahren.
Tessa Collins erzählt die Geschichte mit viel Gefühl. Dabei ist ihr Schreibstil flüssig und gut verständlich.
Ich habe das Lesen von „Die Wildblütentochter“ genossen und freue mich jetzt schon auf den 3. Band „Die Nelkentochter“ der Ende Juli 2025 erscheinen wird und die Leser*innen nach Sri Lanka führen wird.

Pineapple Street

Jenny Jackson
Roman
379 Seiten
erschienen im btb Verlag
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Schaden


Vielen Dank an den btb Verlag für das Rezensionsexemplar

Eine Familie in New York

Klappentext:
Die Pineapple Street in Brooklyn Heights ist eine der begehrtesten Wohngegenden in New York City und Heimat der wohlhabenden Familie Stockton. Obwohl sie alles haben, was sie sich wünschen, suchen die Töchter Darley und Georgiana und Schwiegertochter Sasha nach Erfüllung in ihrem Leben.


„Pineapple Street“ von Jenny Jackson ist ein Roman der durch seine Protagonisten lebt

Im Mittelpunkt stehen 3 Frauen der Familie Stockton. Der Schauplatz ist New York und da die begehrte Wohngegend Brooklyn Hights.

Darley, die älteste Tochter, ist im Wohlstand aufgewachsen und hatte noch nie Geldsorgen. Aus Liebe zu ihrem Mann Malcom hat sie auf das Geld der Familie verzichtet. Sie hat zwei Kinder und geht in ihrer Mutterrolle auf. Doch manchmal vermisst sie nach alledem Kinder bespaßen ihren Beruf.

Georgina ist die jüngste der Stockton Kinder. Sie verliebt sich unsterblich in einen Kollegen, der sie kaum beachtet. Sie durchlebt in der Geschichte die größte Entwicklung.

Sasha hat in die Stockton-Familie eingeheiratet. Zusammen mit ihrem Mann Cord beziehen sie das Haus in der Pineapple Street, in dem bis vor kurzem noch die Eltern von Cord gewohnt haben. Tilda und Chip Stockton haben sich in der Orange Street neu eingerichtet und die ganze Einrichtung in der Pineapple Street gelassen. Sasha fühlt sich aus der Familie ausgeschlossen, nicht zugehörig. Dazu kommt noch, dass sie sich nicht traut das Haus nach ihren Wünschen zu gestalten.

Die Geschichte lebt durch ihre Protagonisten. Jenny Jackson bring die Charaktere ihren Leser*innen sehr nahe. Die Autorin erzählt die Geschichte auch abwechselnd aus der Perspektive der 3 Frauen. Das macht die Geschichte facettenreich. Ich kann nicht sagen welche Person mir am sympathischsten war, ich mochte sie alle 3, jede auf ihre eigene Art.
Wenn die Familie aufeinander trifft, musste ich oft Schmunzeln. Tilda und Chip sind manchmal etwas skurril aber auch liebenswert. Sie lieben Mottopartys und dabei muss alles bis auf das i-Tüpfelchen stimmen.

Im Laufe der Geschichte spüren die Leser*innen, dass auch die gutbetuchten Menschen ihre Probleme haben. Sie haben zwar keine Geldsorgen, aber manchmal Schwierigkeiten die richtige Stellung in ihrem Leben einzunehmen. Auch das Thema Familie, Freundschaft und Zusammenhalt wird in dieser Geschichte angesprochen.

Jenny Jackson erzählt die Geschichte mit einem lockeren Schreibstil. Dabei hat mich die Geschichte so gefesselt, dass ich das Buch oft nicht aus der Hand legen konnte.

„Pineapple Street“ ist die Geschichte einer Familie der upper class, die mich abwechselnd zum Nachdenken und zum Schmunzeln gebracht hat. Eine richtig tolle Geschichte mit liebenswerten Charakteren.

Vielleicht hat das Leben Besseres vor

Anne Gesthuysen
Roman
394 Seiten
erschienen bei Kiepenheuer & Witsch
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar

Ewige Schuld

Zum Inhalt:
Die Gemeinde Alpen am Niederrhein bereitet sich auf das Spargelfest vor. Doch es kommt zu unerwarteten Unruhen.
Die Pastorin muss einer Freundin aus der Schulzeit zur Hilfe kommen. Ihre Tochter Raffaela ist verschwunden. Das Kind ist geistig behindert und kann nicht alleine nach Hause finden.
Als Raffaela gefunden wird, ist sie bewusstlos. Die Frage, was ist passiert?
Die Polizei ermittelt, aber es gibt kaum Spuren.
Ottilie Oymann, Leiterin des Senioren-Chors fürchtet um den Auftritt des Chors, dem wird, wegen der Liedtexte Diskriminierung vorgeworfen.
Auch in der Familie der Pastorin ist einiges los. So versucht die Mutter ständig sie zu Verkuppeln. Ihre Schwester Maria und ihr Neffe Sascha machen der Pastorin Sorgen.


„Vielleicht hat das Leben Besseres vor“ von Anne Gesthuysen ist ein ergreifender Familienroman.
Die Autorin konnte mich schon mit einigen Büchern begeistern.

Ich habe mich gefreit, die Pastorin Anna von Betteray am Niederrhein, die mir schon aus dem Buch „Wir sind schließlich wer“ bekannt ist wieder zutreffen.
Anna ist in ihrem Beruf recht engagiert, sie hilft wo sie gebraucht wird. Im Privatleben ist sie für die Familie da, auch wenn ihre Mutter manchmal etwas nervig ist.

Mit Heike, der Mutter von Raffaela habe ich mitgelitten. Ihr behindertes Kind ist verschwunden und Opfer von Gewalt geworden. Ihre Situation wird beschrieben so, dass man Heike sehr nah kommt. Man spürt die Selbstvorwürfe, die sich Heike macht. Sie hat ihre Tochter als Säugling fallenlassen, das Baby hatte Hirnblutungen und ist jetzt geistig behindert.

Auch die anderen Charaktere werden gut beschrieben. Alle wirken lebendig.

Anne Gesthuysen hat mich auch mit ihrem neuen Roman begeistert. Ihr leichter und flotter Schreibstil lassen die Seiten beim Lesen nur so dahinfliegen.
Die Autorin versteht es die Gefühle ihrer Protagonisten zu vermitteln. Man spürt die Sorge, den Schmerz, aber auch den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft. Der punktgenau eingesetzte Humor der Autorin lockert die Geschichte immer wieder auf.
Das Ende der Geschichte war dann auch stimmig und hat mir gut gefallen.

„Vielleicht hat das Leben Besseres vor“ hat mir wieder einmal schöne Lesestunden beschert und ich freue mich jetzt, schon wenn es von Anne Gesthuysen wieder etwas Neues zu lesen gibt.

Die Familienangelegenheiten der Johanne Johansen

Dora Heldt
Roman
445 Seiten
erschienen im dtv Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den dtv Verlag für das Rezensionsexemplar.

Frauenpower

Zum Inhalt:
Im Mittelpunkt stehen die beiden Cousinen Johanne Johansen und Luise Gehrke.
Beide haben Anteile an der Familienreederei Kurt Johansen & Söhne.

Johanne hat gerade ihren letzten Arbeitstag hinter sich gebracht und freut sich auf ihr Rentnerinnendasein. Johanne lebt im Haus ihrer Großeltern, ihre Mitbewohnerin Edda war die Haushaltshilfe und hat von diesen ein lebenslanges Wohnrecht bekommen.
Edda prognostiziert Johanne schon, dass diese sich ein Hobby zulegen muss, sonst weiß sie mit ihrem Rentnerinnendasein nichts anzufangen.

Luise Gehrke hat gerade ihre Silberhochzeit gefeiert. Sie lebt mit ihrer Familie im Haus ihrer Eltern, einer ansehnlichen Vorstadtvilla. Luise legt großen Wert auf ihr Äußeres, geht gerne Shoppen und spielt allen heile Welt vor.

Die beiden Cousinen mögen sich so gar nicht. Für Johanne ist Luise zu nervig und oberflächlich. Für Luise ist Johanne nicht an der Familie interessiert und überhaupt zu grummelig.
Doch jetzt sind die beiden Frauen gezwungen zusammenzuarbeiten. Luises Mann Thilo-Alexander ist Geschäftsführer der Reederei und liegt nach einem Unfall im Koma.
Dadurch kommt heraus, dass Thilo-Alexander mit einer Freundin auf Sylt war und für seinen privaten Ausgaben ordentlich in die Kasse gegriffen hat. Einfach gesagt, die Reederei ist pleite, die Schiffe in einem sehr schlechten Zustand und das Haus von Luise mit hoher Hypothek belastet.
Der größte Konkurrent Sigi Schröder ist bereit die Reederei zu übernehmen.
Um den Verkauf zu verhindern, nimmt Johanne die Geschäfte in die Hand und Luise unterstützt sie, wo sie kann. Mit Ratschlägen stehen ihnen die Paula, EddasTochter und die Hafenbarbesitzerin Renate zur Seite. Aber ob die Reederei noch zu retten ist, das ist die große Frage.

„Die Familienangelegenheiten der Johanne Johansen“ ist ein wunderbarer Roman von Dora Heldt.
Die Protagonisten mit ihren Eigenarten sind einfach großartig.
Die so unterschiedlichen Charaktere Johanne und Luise mochte ich gleich.
Es ist schön mitzuerleben, wie sich die oberflächliche Luise im Laufe der Geschichte entwickelt.

Dora Heldt hat einen angenehmen Schreibstil. Sie beschreibt die Handlungsorte sehr anschaulich. Das Bangen um die Reederei, die Ideen wie man das Unternehmen vielleicht wieder zum Laufen bringen kann machen die Geschichte spannend.
Immer wieder lockert die Autorin die Geschichte mit Humor auf.
So bin ich schnell ganz tief in die Geschichte eingetaucht und habe das Buch mit fast 450 Seiten in zwei Tagen gelesen.

„Die Familienangelegenheiten der Johanne Johansen“ war für mich ein echtes Lesehighlight.

Die Könige von Babelsberg

Ralf Günter
Roman
261 Seiten
erschienen Rowohlt Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar

Spannender Roman, teils Fiktion und teils Realität

Klappentext:
Berlin 1920: Fritz Lang und Thea von Harbou sind das Glamourpaar des frühen deutschen Films. Den Regisseur und die Drehbuchautorin verbindet eine Leidenschaft, die weit über das Künstlerische hinausgeht. Das Filmmärchen hat nur einen Haken: Beide sind verheiratet. Als Langs Ehefrau durch einen Schuss zu Tode kommt, steht der junge Kriminalkommissar Beneken vor einem Rätsel: Hat die Frau sich das Leben genommen, weil sie die Schmach des Betrugs nicht ertrug? Wollte sich die Harbou ihrer Nebenbuhlerin entledigen? Oder war Fritz Lang seine Frau lästig geworden?

Beneken sucht nach der Wahrheit. Doch keine der Versionen, die die Hauptverdächtigen Lang und Harbou ihm präsentieren, scheint mit den Fakten übereinzustimmen. Je tiefer der Kommissar in die schillernde Welt der Filmsets, der Künstlerpartys und Nachtclubs eintaucht, umso mehr gerät er selbst in Gefahr. Und muss erkennen, dass die Wahrheit immer ihren Preis hat.

„Die Könige von Babelsberg“ von Ralf Günter ist ein spannender Roman, der in Berlin, im Jahr 1920 spielt.
Ich würde das Buch mehr als historischen Kriminalroman bezeichnen.

Kriminalkommissar Beneken bekommt es mit einem Selbstmord zu tun. Die Frau des Regisseurs Fritz Lang hat sich erschossen. Doch war es wirklich Selbstmord? Beneken zweifelt das an. Er hat viel mehr den Ehemann unter Verdacht, oder seine Geliebte, die Drehbuchautorin Thea von Harbou. Doch seine Vorgesetzten möchte, dass er den Fall zu den Akten legt. Aber kann er das wirklich tun, wo er doch den Verdacht eines Mordes hat.
Kriminalkommissar Beneken hat immer Schwierigkeiten sich durchzusetzen, er muss oft härter Auftreten als er eigentlich möchte. Das liegt daran, dass er das Gesicht eines Jungen hat, was an seiner Autorität zweifeln lässt.
Auch privat hat Beneken Kummer. Seit sein Vater und sein Bruder im Ersten Weltkrieg gefallen sind, hängt seine Mutter wie eine Klette an ihm.

Ralf Günter hat interessante Charaktere erschaffen. Der Autor beschreibt die Protagonisten auch mit all ihren Facetten.
Besonders interessant wird das Buch durch den Hintergrund, dass der Regisseur Fritz Lang und seine Drehbuchautorin Thea von Harbou reale Personen sind. Fritz Lang war seinerzeit ein bekannter Regisseur der Filme wie „Der müde Tod“ „Metropolis“ und „Das Testament des Dr. Mabuse“ gedreht hat.
Seine erste Ehefrau war auch tatsächlich Elisabeth Rosenthal. Sie ist durch eine Pistolenkugel ums Leben gekommen. War es Selbstmord? Der Fall wurde nie aufgeklärt.

Ralf Günter erzählt die Geschichte mit Spannung, vermittelt aber auch den Sound der Zeit sehr gut.
Anhand von Fritz Lang zeigt der Autor auf, dass viele Menschen nach dem Krieg wieder leben wollen. Sich vergnügen wollen.
Es gibt aber auch viele Menschen, die ihre nächsten Angehörigen verloren haben und unter einem Trauma leiden, so wie die Mutter von Beneken.

Ralf Günter verwebt in seinem Roman Realität und Fiktion sehr fein so, dass man es nicht mehr zu trennen vermag.

„Die Könige von Babelsberg“ ist ein interessanter und spannender Roman den ich sehr gerne gelesen habe.

Ein Schritt zu mir

Petra Martin
Roman
218 Seiten
erschienen by Petra Martin
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an Petra Martin für das Rezensionsexemplar

Eine Achterbahnfahrt der Gefühle

Klappentext:

Nach vielen Tiefschlägen hat Caro das Glück auf ganzer Linie für sich gepachtet. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere entscheidet sich Moritz endlich für sie.
Doch dann überschlagen sich die Ereignisse, und nichts ist mehr so, wie es war. Vor ihr liegt eine wahre Achterbahn der Gefühle: Denn der Roadtrip, der ihr den geliebten Mann zurückbringen soll, schafft anstatt Klarheit nur noch mehr Verwirrung.
Was soll sie tun, als ihre Rivalin durch ihr Opfer auf Leben und Tod alles zu ihren Gunsten ändert? Aber das Leben überrascht immer wieder mit unerwarteten Wendungen und besonderen Begegnungen. Und Caro sieht sich bald vor eine Wahl gestellt, die ihr Leben gründlich auf den Kopf stellt.

„Ein Schritt zu mir“ von Petra Martin ist eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle.

Im Mittelpunkt steht Caro. Nach vielen Rückschlägen, glaubt sie endlich am Ziel angekommen zu sein.
Beruflich läuft es gerade sehr gut und auch Moritz, der Mann, für den Caros Herz schlägt, hat sich für sie entschieden.
Caro fühlt, dass sie endlich am Ziel angekommen ist. Gerade noch feiert sie ihren Geburtstag, doch da schlägt die Geschichte eine Wendung ein und Caros Leben steht plötzlich auf dem Kopf.

Petra Martin erzählt die Geschichte in einem ordentlichen Tempo und mit sehr viel Gefühl.
Dabei ist ihr Scheinstil schwungvoll und gut verständlich.
Ihre Charaktere sind gut beschrieben und wirken richtig lebendig. Mir hat es Freude gemacht, sie durch die Geschichte zu begleiten.

Ich war mit meinen Gefühlen hin- und hergerissen. Auf einer Seite waren das Caro und Moritz. Auf der anderen Seite Eileen und dazwischen Lukas, der Sohn von Eileen und Moritz.
Immer wieder habe ich mich gefragt, ob Caro und Moritz eine Zukunft haben.

„Ein Schritt zu mir“ ist eine Geschichte über Zusammenhalt, Liebe und Mut. Ein Buch das ich mit viel Freude gelesen habe.

Moorhöhe

Maria Turtschaninoff
Roman
444 Seiten
erschienen Rowohlt Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar

Im Wandel der Zeit

Klappentext:
Nevabacka, «Moorhöhe», heißt das kleine Gehöft im Norden Finnlands, umgeben von Flieder- und Moltebeerbüschen und eingebettet in mythische Wald- und Moorlandschaften. Die Menschen hier sind tief im alten Volksglauben verwurzelt, für sie ist nur ein Leben im Verbund mit der Natur denkbar.
Im 17. Jahrhundert setzt der Bauernsohn Matts den ersten Spatenstich, seinen Nachkommen folgen wir bis ins 21. Jahrhundert hinein und lernen die unterschiedlichsten Bewohner des Hofs kennen: ein kleines Mädchen, das durch das Moor streift und einem Troll zu begegnen glaubt; einen Pfarrer, der während des Kriegs seinen Gottesglauben verliert; eine junge Frau aus der Großstadt, die den Sommer auf Nevabacka verbringen muss und von Heimweh geplagt ist – bis sie dem Zauber des Landlebens erliegt.

„Moorhöhe“ von Maria Turtschaninoff ist ein Roman der ein Stückchen Erde in Finnland, die Moorhöhe und dessen Bewohner über fünf Jahrhunderte betrachtet und den Wandel der Jahrhunderte erzählt.

Die Leser*innen begleiten die Geschichte vom 17. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert und erleben so den Wandel der Zeit.
Das kleine Gehöft „Moorhöhe“ liegt in Finnland. Es wird im Lauf der Geschichte von verschiedenen Menschen bewohnt.
In der Geschichte lernen die Leser*innen die Menschen nur kurz kennen, als wären sie nur kurze Gäste auf der Moorhöhe.
Es gibt viele Schicksalsschläge, Krankheit, Tod, Missernten und Hunger.
Und es gibt schöne Momente, die Liebe hält Einzug, es gibt Hochzeiten und Kinder werden geboren.
Die Menschen wandeln sich, das Land bleibt.

Maria Turtschaninoff hat einen recht ungewöhnlichen Roman geschrieben. Der Hauptcharakter ist praktisch ein Landstück. Ich habe die Geschichte mit großer Freude über die fünf Jahrhunderte begleitet.
Den Wandel der Zeit mitzuerleben war schon sehr interessant. Die Atmosphäre in dem Buch hat etwas Mystisches. Die Menschen glauben an andere Wesen, besonders in den frühen Jahrhunderten.

Die Landschaft wird in der Geschichte so toll beschrieben. Man hat die Höfe und die das Moor richtig vor Augen. Ich wäre am liebsten auch einmal mit in die Preiselbeeren gegangen.
Und manchmal konnte man sogar den Zauber spüren.

Täuschend echt

Charles Lewinsky
Roman
340 Seiten
erschienen im Diogenes Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar

KI – Fluch und Segen zugleich

Klappentext:
Ein Werbetexter verliert alles auf einen Schlag: Liebe, Geld und Karriere. Dank künstlicher Intelligenz schafft er es, sich wieder aufzurappeln. Die neue Technologie hilft ihm, ein Buch zu schreiben, das große Beachtung findet, weil es angeblich die »Geschichte eines wahren Schicksals« erzählt. Nur eine Frau weiß, dass das nicht stimmt: die ehemalige Geliebte, die den nun so gefeierten Autor schon einmal um alles gebracht hat.

„Täuschend echt“ von Charles Lewinsky ist eine interessante Geschichte die mich auch manchmal Schmunzeln ließ.

Die Geschichte wird in der Ich-Perspektive des Hauptcharakters, einem Werbetexter erzählt.
Der Werbetexter wird von seiner Lebensgefährlich verlassen und muss spüren, dass sie ihn die ganze Zeit nur manipuliert und ausgenutzt hat.
Kurz darauf verliert er auch noch seine Arbeit als Werbetexter. Was nun?
Der Ich-Erzähler beschäftigt sich mit der künstlichen Intelligenz. Gleichzeitig lernt er seine Nachbarn besser kennen und kommt in Kontakt mit einem wohlhabenden Förderer. Der möchte ein Buch veröffentlichen das vom Schicksal der Menschen erzählt, denen das Leben übel mitgespielt hat. Wichtig ist ihm dabei, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht.
Kurzentschlossen macht unser Erzähler einige Versuche mit der KI. Von den Ergebnissen begeistert wird das experimentieren wie eine Sucht. Immer wieder lässt der Erzähler sich kleine Stücke eine Geschichte von der KI schreiben die er dann nur noch aufeinander zuschneidet. Ein Buch entsteht, dass die Menschen zu Tränen rührt.

Charles Lewinsky erzählt zum einen die Geschichte des Werbetexter, der verlassen wurde und seine Arbeit verliert. In kursiver Schrift fügt der Autor immer die Passagen ein, die von der KI geschrieben wurden. So bekommen die Leser*innen quasi einen Roman im Roman.

Die Idee von Charles Lewinsky finde ich genial. Der Autor bereitet das Thema KI mit seinen Beispielen leicht verständlich auf. Er zeigt gleichzeitig auf, zu was die KI heute schon fähig ist und wo ihr Grenzen gesetzt sind.

Charles Lewinsky schreibt die Geschichte, ohne viel drumherum zu reden. Kurz und bündig kommt er auf den Punkt seiner Geschichte. Die Charaktere sind interessant gezeichnet. Die Veränderung, die im Laufe der Geschichtete in dem Ich-Erzähler vorgeht, ist nachvollziehbar.
Der Schreibstil des Autors ist fesselnd und flüssig. Das Thema ist hochaktuell und wird gut verständlich aufbereitet.

„Täuschend echt“ war für mich das reinste Lesevergnügen.