Das Geheimnis der Frauern

Sonja Roos
Roman
443 Seiten
erschienen im Goldmann Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Goldmann Verlag für das Rezensionsexemplar

Ein wunderschöner Roman

„Das Geheimnis der Frauen“ ist ein wunderschöner Roman von Sonja Roos.
Für mich ist es der erste Roman von Sonja Roos, aber ich bin mir sicher, es werden noch viele folgen.

Die Geschichte hat zwei Zeitebenen. In der Gegenwart, die in dem Roman im Jahr 2014 angesiedelt ist, hat die Hauptprotagonistin Lulu Streit mit ihrem Arbeitgeber und gleichzeitigem Partner. Lulu arbeitet in einem Nobelrestaurant auf Sylt. Jetzt fährt sie zurück in den Westerwald, in ihr Elternhaus. Mit 34 Jahren wieder bei ihren Eltern zu wohnen, fällt ihr nicht leicht.
Lulus Eltern haben lange die Dorfkneipe „Dorfkrug“ geführt, die seit Generationen in Familienbesitz ist. Doch nach einem Herzinfarkt von Lulus Vater ist der „Dorfkrug“ geschlossen.
In Lulus Innerem wächst die Idee, die Tradition weiterzuführen und den „Dorfkrug“ zu modernisieren und neu zu eröffnen. Den Gedanken schiebt Lulu allerdings erst einmal zur Seite.
Lulus Großvater Max freut sich, seine Enkelin wieder in der Nähe zu haben. Er fühlt sich seit dem Tod seiner Frau einsam. Als Lulu einen Stapel ungeöffneter Briefe aus England bei ihrem Großvater findet, wird er ärgerlich. So oft Lulu und ihre Schwester nachbohren, Großvater Max bleibt verschlossen.

Die 2. Zeitebene ist im Jahr 1945, kurz vor Ende des 2. Weltkriegs, angesiedelt.
Max ist ein 10-jähriger Junge. Sein Vater ist an der Front, seine Mutter Grete schenkt ihm wenig Zuneigung. Die verteilt sie lieber an die Soldaten. Seine Bezugsperson ist seine Tante Hanni. Sie versorgt ihn wie eine Mutter. So oft sie ihm beteuert, dass seine Mutter ihn liebt und mit den anderen Männern nur schäkert, damit es ihnen besser geht, versteht Max nicht.
Als ein britischer Pilot mit seinem Flugzeug abgeschossen wird, verstecken Hanni und Grete den Engländer. Hanni pflegt ihn gesund und entwickelt das erste Mal Gefühle für einen Mann. Doch Grete kann auch dem Piloten nicht widerstehen. Das führt zu einem Streit zwischen den Schwestern.

Sonja Roos erzählt die Geschichte unterhaltsam und spannend. Dabei kann ich nicht sagen, welcher Handlungsstrang mir am besten gefallen hat. Beide Zeitebenen waren gleichermaßen spannend und interessant.
Die Handlungsstränge haben sich immer abgewechselt, wobei sie manchmal mit einem Cliffhanger endeten.

Die Charaktere wirkten sehr lebendig und waren mir fast alle schnell sympathisch. Lulu mochte ich besonders gerne. Als sie überlegte, nach Sylt zurückzukehren, wollte ich sie schon schütteln. Aber sie ist im Laufe der Geschichte über sich hinausgewachsen und hat ihr Leben in die Hand genommen.
Auch Großvater Max ist ein toller Charakter. Er hat eine besondere Beziehung zu seinen Enkeltöchtern.
In der Vergangenheit, als Max noch ein Kind war, tat er mir eher leid. Er ist in einer schweren Zeit aufgewachsen, und mir kam es so vor, als hätte seine Mutter kein großes Interesse an ihrem Sohn.
Tante Hanni hingegen ist eine Bereicherung für diesen Roman. Eine herzensgute junge Frau. Sie hat immer hinter ihrer Schwester zurückstecken müssen. Mit ihr erleben die Leser*innen aber auch noch eine Überraschung.

Sonja Roos erzählt beide Handlungsstränge gleich stark. Die Autorin vermittelt das Jahr des Kriegsendes sehr authentisch. In dem kleinen Dorf im Westerwald waren die Bombenangriffe zwar nicht so stark wie in den Städten, aber die Frauen – ja es waren nur noch Frauen im Dorf – hatten genug vom Krieg.
Auch die Gegenwart wird sehr realistisch beschrieben. Das kleine Dorf im Westerwald, die Dorfkneipe und die Menschen, die sich fast alle kennen und gegenseitig helfen.

Der Schreibstil von Sonja Roos ist flüssig und gut verständlich. Nach wenigen Seiten bin ich tief in die Geschichte eingetaucht und konnte das Buch kaum aus der Hand legen.

„Das Geheimnis der Frauen“ ist eine interessante Familiengeschichte, die ich mit Freude gelesen habe.

Was wir einander schuldig sind

Roman
255 Seiten
erschienen bei BoD – Books on Demand
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an Wilma Borghoff für das Rezensionsexemplar

Eine emotionale Familiengeschichte

Klappentext:
Ein Anruf. Eine Forderung. Und ein Leben, das aus den Fugen gerät.
Als Jarik, ein lebensfroher Endfünfziger, nach Jahren von seiner Tochter Jessica hört, trifft ihn ihre Nachricht wie ein Schlag: Sie ist todkrank. Und ihre zwölfjährige Tochter Talea, seine einzige Enkelin, soll zu ihm ziehen; zu einem Großvater, den sie noch nie gesehen hat.
Für Jarik und seine zweite Frau Elvira beginnt eine Zeit voller Spannungen, Überforderung und unausgesprochenen Ängsten. Talea begegnet ihnen mit Schweigen, Wut und Misstrauen. Das Paar merkt, dass guter Wille und Liebe manchmal nicht ausreichen, um einem verletzten Kind Halt zu geben.
Aus ihrer nordischen Heimat Friesland hat Talea kaum etwas mitgebracht. Und doch ist da etwas, das sie begleitet: ein scheuer Grünspecht, der immer wieder in ihrer Nähe auftaucht, als würde er über sie wachen.

„Was wir einander schuldig sind“ von Wilma Borghoff ist ein Buch, das mich sehr berührt hat.

Im Mittelpunkt stehen Jarik, seine Frau Elvira und Talea, die Tochter von Jariks Tochter aus erster Ehe.
Jarik hat keine Verbindung zu seiner Tochter Jessica, seine Enkelin Talea, die mittlerweile 12 Jahre ist, kennt er nicht. Da kommt ein Anruf von seiner Tochter, dass sie sterben wird und er sich um ihre Tochter kümmern soll. Es scheint so, dass Jessica sonst keinen Menschen hat, dem sie ihr Kind anvertrauen kann.

Wilma Borghoff hat einen angenehmen und gut verständlichen Schreibstil. Mich hat die Geschichte schon nach wenigen Seiten gefesselt, sodass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Die Charaktere in der Geschichte sind gut gezeichnet und lebendig.
Jarik und seine Frau Elvira habe ich gleich gemocht. Obwohl ich Jarik manchmal gerne etwas geschüttelt habe. Wie gut, dass Elvira an seiner Seite ist und alles in die Hand genommen hat. Sie ist willens, Talea ein Zuhause zu geben. Auch wenn das nicht einfach ist und es immer wieder, gerade wenn sie denkt, sie sei einen Schritt weitergekommen Rückschläge gibt.
Talea hat mir leidgetan. Ihre Mutter konnte ihr aus Geldnöten nicht viel bieten und dann ist sie krank geworden. Dann ist plötzlich ihre Mutter tot und sie muss in eine andere Stadt zu den Großeltern ziehen, die sie nicht kennt. Es sind praktisch Fremde für sie.
Ich bewundere Wilma Borghoff dafür, wie sie sich in Talea hineinversetzen konnte. Wie sie die seelischen Nöte des Mädchens in ihre Geschichte einfließen lässt. Man konnte die Ängste und Nöte von Talea richtig spüren.

Die Idee mit dem Grünspecht, der immer wieder auftaucht, ist sehr gut gelungen.
Taleas gibt er immer ein kleines bisschen Zuversicht. Es ist ihr Grünspecht, der immer dann auftaucht, wenn sie besonders verzweifelt ist.

Mit „Was wir einander schuldig sind“ erzählt Wilma Borghoff eine Geschichte über Trauer und Loslassen. Aber auch eine Geschichte über Liebe, Familie und Zuversicht.
Mich hat das Buch sehr berührt und ich empfehle es gerne weiter.

Und das Glück duftet nach Wolken und Meer

Susa Bartel
Roman
396 Seiten
erschienen im Droemer Knaur Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Droemer-Knaur Verlag für das Rezensionsexemplar

Ein Roman zum Eintauchen und Träumen

Klappentext:
Viele Jahre ist es her, dass die 33-jährige Kayla zuletzt in ihrer Heimat Irland war: Zu groß ist der Schmerz, den sie dort zurückgelassen hat. Denn ihre Mutter verschwand ohne ein Wort, als Kayla noch ein Kind war. Jetzt zwingt sie der plötzliche Tod ihres Vaters, ins beschauliche Old Quay zurückzukehren. Dort trifft sie nicht nur ihre geliebte Gran und ihre Sandkastenfreundin Maeve wieder, sondern auch ihren Bruder Logan, mit dem sie seit einem schlimmen Streit kaum gesprochen hat. Während langer Spaziergänge am Meer kehren endlich auch die schönen Erinnerungen zu Kayla zurück. Und sie begegnet dem jungen Witwer Nathan, der die zauberhafte Perfumery Wildflowers betreibt. Dann entdeckt Kayla etwas, das die Vergangenheit in neuem Licht erscheinen lässt …

„Und das Glück duftet nach Wollen und Meer“ ist eine Familiengeschichte mit einem Familiengeheimnis von Susa Bartel.

Im Mittelpunkt steht die 33-jährige Kayla, sie war lange nicht mehr in ihrer Heimat Irland. Zu viele schlechte Erinnerungen, zu großen Schmerz verbindet Kayla mit ihrem früheren Zuhause.
Doch der Tod ihres Vaters führt Kayla zurück und sie muss sich den Erinnerungen stellen.
Kayla trifft aber auch auf Menschen, die ihr viel bedeuten, wie ihre Gran und ihre Freundin Maeve. Aber auch ihrem Bruder, mit dem sie seit einem Streit nicht mehr gesprochen hatte, begegnet Kayla.
Und dann ist da der Witwer Nathan, der Licht in Kaylas Vergangenheit bringt.

Was für ein schönere Roma ist Susa Bartel da gelungen. Nach wenigen Seiten wurde ich ganz tief in die Geschichte reingezogen.

Die Charaktere sind liebenswert. Besonders Kayla mochte ich vom ersten Augenblick an. Sie lebt in Berlin, weder ihre Beziehung noch ihr Job laufen optimal. Jetzt muss sie wegen des Todes ihres Vaters nach Irland. Auch dort muss Kayyla sich den Widrigkeiten stellen.
Die Gefühle von Kayla, Wut, Trauer, Einsamkeit und Heimatgefühle werden deutlich vermittelt.

Susa Bartel beschreibt Irland sehr schön. Ich habe die langen Spaziergänge mit Kayla am Meer genossen. Ich konnte das Salz fast riechen.

Der Schreibstil von Susa Bartel ist flüssig und gut verständlich. Mich hat beim Lesen ein Fernweh ergriffen. Ich würde gerne einmal in das Irland von Kayla reisen.

„Und das Glück duftet nach Wollen und Meer“ ist ein wunderschöner Roman, der einen träumen lässt.

Andere nennen es Urlaub

Franka Bloom
Roman
380 Seiten
erschienen im Rowohlt Verlag
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar

Tiefgründig und humorvoll

Klappentext:
Annette, genannt Netti, (50) steckt privat und beruflich in einer Sackgasse: Die letzte Beziehung ist gescheitert, ihr Theatervertrag nicht verlängert, der Sohn auf dem Absprung. Und dann ist da noch ihr Vater Bruno, der seit dem Tod der Mutter nicht alleine klarkommt. Fast täglich schaut Netti bei ihm vorbei, obwohl sie und ihre erfolgreiche Schwester sich eigentlich gemeinsam kümmern wollten. Aber jetzt braucht Netti dringend eine Auszeit, um endlich mal durchzuatmen und ihr Leben neu zu ordnen. Und das am liebsten am Meer, irgendwo im Süden. Als sich ihr eine Mitfahrgelegenheit mit einem Italiener bietet, sagt sie sofort zu. Soll eben ihre Schwester nach dem Vater schauen. Doch als es losgeht, sitzt Bruno auf der Rückbank. Und Netti ahnt, dass es alles andere als ein entspannter Urlaub wird, denn ihr Vater hat eigene Pläne, und die Reisegruppe wird immer größer.

„Andere nennen es Urlaub“ ist ein humorvoller Familienroman von Franka Bloom.

Netti steht vor einem Wendepunkt in ihrem Leben. Ihr großer Durchbruch als Schauspielerin lässt schon lange auf sich warten. Jetzt wird sogar ihr Vertrag am Theater nicht verlängert. Der Sohn verlässt langsam das Nest. Nur ihr Vater Bruno, um den sie sich kümmert bleibt ihr erhalten. Ihre Schwester, mit der Netti sich abwechselnd um den Vater kümmern wollte, lässt sie kläglich im Stich.
Netti beschließt, sie braucht dringend Abstand von ihrem Alltag. Sie liebäugelt mit den Italienbildern in einem Reisebüro. Die Inhaberin macht ihr spontan das Angebot, mit ihrem Neffe Giorgio, der mit einem Kleinbus nach Triest fährt mitzufahren. Eine Woche Italien, ein Traum. Wohnen kann sie auch kostenlos im Apartment der Reisebürofrau, sie muss dafür nur das Apartment aufräumen. Kurzentschlossern sagt Netti zu. Um den Vater soll sich die Schwester kümmern. Doch am Tag der Abfahrt, sitzt Bruno schon auf dem Rücksitz und Netti wird in ihrem Urlaub zur 24-Stundernbetreuung.

Franka Bloom hat ihre Charaktere gut gezeichnet. Sie kommen richtig lebendig rüber. Mir gefallen Netti und auch ihr Vater Bruno sehr gut. Bruno kommt seit dem Tod seiner Frau nicht mehr allein klar, er braucht Hilfe. Im gemeinsamen Urlaub registriert Netti erst einmal, wie unselbstständig ihr Vater wirklich ist.

Franka Bloom erzählt die Geschichte tiefgründig und versieht sie immer wieder mit Humor.
Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und gut verständlich.
Das Thema Alleinsein und nicht loslassen können vermittelt die Autorin ihren Leser*innen gut.

„Andere nennen es Urlaub“ ist eine tiefgründige und humorvolle Familiengeschichte.

Spiegelland

Rebekka Frank
Roman
560 Seiten
erschienen im S. Fischer Verlag
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an NetGalley Deutschland für das Rezensionsexemplar.

Eine spannend erzählte Familiengeschichte

Klappentext:
Elias hat so richtig Mist gebaut, das weiß er. Er versteckt sich den Sommer über bei seiner Großmutter Catharina im Moor. Doch auch sie hütet ein Geheimnis, das alles infrage stellt, was Elias zu wissen glaubt.
Ein unendlich weiter Sommer, ein Vierteljahrhundert zuvor: Nach Jahren der Angst findet Catharina endlich den Mut, aus ihrer Ehe auszubrechen. Mit ihrer Tochter flieht sie in ein altes Haus im Moor. Während der Sonnentau im ersten Licht des Morgens leuchtet und die Rauchschwalben rufen, spürt sie sich zum ersten Mal wieder. Doch nichts ist wirklich sicher. Erst recht nicht, als Catharina im Moor eine Entdeckung macht, die ihren Mann auf ihre Spur bringen könnte.

„Spiegelland“ ist der neue Roman von Rebekka Frank. Nachdem mich „Stromlinien“ so begeistert hatte, musste ich auch dieses Buch unbedingt lesen.

“ Spiegelland“ ist eine Familiengeschichte mit einem Geheimnis.
Die Geschichte wird auf 3 Zeitebenen erzählt. Im Jahr 1756 begleiten die Leserinnen Aletta, eine junge Frau, die einen nie endenden Kampf für Unabhängigkeit kämpft. Hier erfahren die Leserinnen wie schwer das Leben im Moor zu dieser Zeit war.

Im Jahr 1999 lernen die Leser*innen Catharina kennen. Sie muss in ihrem Zuhause viel Gewalt ertragen. Zusammen mit ihrer Tochter flieht sie aus dem Zuhause. In einer Hütte im Moor findet sie Zuflucht und stell sich hier dem harten Leben des Moors.

Im Jahr 2025 ist Elias, der Enkel von Catharina in Schwierigkeiten. Auch er flüchtet ins Moor und findet bei seiner Großmutter Zuflucht.

Rebekka Frank entführt ihre Leserinnen in eine Moorlandschaft. Die Beschreibung der Natur ist so intensiv, man kann die Schönheit und auch die Gefahr der Landschaft richtig vor seinem inneren Auge sehen. Als Leserin ahnt man wie schwierig das Leben mit dem Moor sein kann. Die schöne, naturbelassene Landschaft birgt Gefahren. Man muss sie kennen und einschätzen können.

Die Charaktere sind allesamt gut gezeichnet, sie sind recht unterschiedlich und wirken alle richtig lebendig. Alle sind auf eine gewisse Art sympathisch.

Die Geschichte hat 3 Zeitebenen und das Schicksal der Personen einer Generation spielgelt sich in der nächsten wieder.

Rebekka Frank erzählt die Geschichte recht spannend. Ich konnte nach einigen Seiten das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und gut verständlich. Die Autorin nimmt ihre Leser*innen mit auf eine Reise durch das Moor und in vergangene Zeiten.

„Spiegelland“ ist ein Roman, der mich schnell in seinen Bann gezogen hat. Ich habe die gut 500 Seiten an zwei Abenden gelesen.

Rauhnächte

Ellen Sandberg
Roman
344 Seiten
erschienen im Penguin Verlag
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar

Die Geister der Vergangenheit

Klappentext:
Sie darf das nie erfahren. Du hast es mir versprochen!“ Wie ein Faustschlag trifft dieser Satz die 22-jährige Pia an Heiligabend, als sie ein Streitgespräch ihrer Eltern belauscht. Als sie kurz darauf herausfindet, dass sie mit vier Jahren adoptiert wurde, bricht ihre bis dahin gekannte Welt vollends zusammen. Schon ihr Leben lang fühlte sie sich anders, seltsam fremd, als ob ein Tabu sie umgibt. Nun scheint all das bestätigt. Auf der Suche nach Antworten fährt Pia nach Wasserburg am Inn, dem Heimatort ihrer leiblichen Mutter. Der Raureif hängt tief in den winterlichen Inn Auen und durch das mittelalterliche Städtchen tanzen schauerliche Gestalten, die nach altem Brauch die Geister vertreiben sollen. In den Rauhnächten, so sagt man, drängen alte, gut gehütete Geheimnisse wieder an die Oberfläche. Und je näher Pia der Wahrheit über ihre Mutter kommt, desto enger ziehen die Geister der Vergangenheit ihre Kreise um sie. Bis Pia in tödlicher Gefahr schwebt.

„Rauhnächte“ ist ein spannender und fesselnder Roman von Ellen Sandberg.

Im Mittelpunkt steht Pia. Sie fühlt sich schon ihr ganzes Leben lang fehl am Platz. Ihr fehlt die Wärme in der Familie. Als sie bei einem Streit ihrer Eltern erfährt, dass sie adoptiert ist, will sie nach ihrer leiblichen Mutter suchen. Sie fährt nach Wasserburg am Inn, wo ihre Mutter gelebt hat und durch einen Unfall ums Leben kam.

Als Leser*in begleitet man Pia auf der Suche nach ihrer Herkunft. Schnell ist klar, wer ihre Mutter ist, nur wer der Vater ist, scheint ein großes Geheimnis zu sein. Auch der Unfall ihrer Mutter ist für Pia rätselhaft.
Auf einer zweiten Zeitebene geht es zurück in die Vergangenheit und man lernt Pias Mutter kennen und erlebt auch, wie sie ums Leben gekommen ist.
So wird die Gegenwart von der Vergangenheit eingeholt und es kommt ein ungeahntes Geheimnis zu Tage.

Ellen Sandberg erzählt eine Familiengeschichte mit Abgründen.
Die Geschichte spielt in den 12 Rauhnächten. Ein alter Glaube sagt, dass in den Raunächten sich die Türen zwischen dieser Welt und dem Jenseits öffnen. So wird man auch in der Geschichte mit den Perchten konfrontiert, das sind schaurige, behaarte Gestalten, die, die Geister vertreiben wollen. Dazu kommen noch die Dunkelheit und Kälte, mir sind beim Lesen Schauer über den Rücken gelaufen.

Ellen Sandberg hat mit diesem Roman wieder einmal bewiesen, dass sie einfach gut Geschichten erzählen kann.

„Rauhnächte“ ist eine interessante und fesselnde Geschichte. Die Autorin wurde durch das Märchen vom „Fuxerl“ von Ilona Picha-Höberth inspiriert. Das Märchen ist am Ende der Geschichte auch abgedruckt.

Es bleibt doch in der Familie

Christiane Wünsche
Roman
376 Seiten
erschienen im S. Fischer Verlag
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den S.Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar

Eine gefühlvolle Familiengeschichte

Klappentext:
Die Schwestern Marlene, Esther und Nicole erleben, wie die Aussicht auf eine Erbschaft auch höchst Unliebsames zu Tage fördert: Neid, Misstrauen, längst vergessen geglaubte Erinnerungen und das gut gehütete Lebensgeheimnis der Erblasserin und ihres vor Jahrzehnten verstorbenen Ehemanns. Ihre Tante Klara hat ihren sechs Nichten und Neffen ihr altes Haus auf der Insel Hohenwerth und ihren gesamten Besitz vermacht, zu gleichen Teilen allerdings auch einem völlig Unbekannten, ihrer großen Liebe. Marlene und ihre Schwestern müssen sich fragen, was sie hier eigentlich erben und wie hoch der Preis ist, den sie alle zu zahlen haben.

„Es bleibt doch in der Familie“ ist eine Familiengeschichte von Christiane Wünsche. Die Autorin ist mir schon von einigen Romanen bekannt und konnte mich immer begeistern.

In ihrem neuen Roman geht es um eine Erbschaft. Tante Klara hat ihren sechs Nichten ihr Haus auf der Insel Hohenwerth und ihren gesamten Nachlass vermacht. Doch zu der Erbengemeinschaft gesellt sich noch ein Unbekannter. Vier Wochen haben die Erben Zeit, zu entscheiden, was mit dem Nachlass geschehen soll. Eine Bedingung im Testament, die Entscheidung muss einstimmig getroffen werden. Doch wer ist der Fremde, der plötzlich zur Erbengemeinschaft gehören soll?

Christiane Wünsche hat wieder einmal interessante und liebenswerte Charaktere erschaffen.
Die Schwestern Marlene, Esther und Nicky haben mir am besten gefallen. Aus ihrer Perspektive und aus der Sicht von Jochen wird die Geschichte auch erzählt. Dabei erfährt man auch einiges aus dem Leben von Tante Klara, die seit ihrer Heirat auf der Rheininsel Hohenwerth gelebt hat. Doch ihr Mann ist früh verstorben und Klara lebte allein in ihrem Haus. Früher hat sie ihre Schwestern und deren Kinder im Sommer immer eingeladen. Doch das ist schon lange vorbei. Jetzt hinterlässt sie ihren Nachlass den Kindern ihrer Schwestern. Doch der unbekannte Erbe sorgt für Aufruhr.

Christiane Wünsche erzählt die Geschichte sehr anschaulich, man kann sich alles gut vorstellen. Ein Blick zurück. Lässt die Leser*innen auch an dem Leben der Verstorbenen Klara teilhaben und nach und nach erfahren sie dann auch mehr über den weiteren Erben.
Die Autorin hat einen flüssigen, gut verständlichen und fesselnden Schreibstil. Ich bin schnell in die Geschichte eingetaucht und hatte bald viele Fragezeichen über meinem Kopf schweben. Die Fragen wurden dann im Laufe der Geschichte auch beantwortet.
„Es bleibt doch in der Familie“ ist ein gefühlvoller Familienroman, den ich mit Freude gelesen habe.

Das Flüstern der Marsch

Katja Keweritsch
Roman
378 Seiten
erschienen bei Hoffmann & Campe
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an Hoffmann und Campe für das Rezensionsexemplar

Familiengeschichte über drei Generationen

Klappentext:
Als Mona in der Marsch eintrifft, um den 80. Geburtstag ihres Opas Karl zu feiern, ist Oma Annemie spurlos verschwunden. Karl macht sich wenig Sorgen, Mona dafür umso mehr. Sie zieht zu ihrem Opa in das reetgedeckte Haus am Rand des kleinen Dorfs in den Weiten der Marsch, wo Monas Mutter Sabine gemeinsam mit den Zwillingsbrüdern Stefan und Sven aufgewachsen ist. Dass Annemie ein schmerzvolles Geheimnis birgt, das das Leben der ganzen Familie schon lange beeinflusst, ahnt niemand. Gemeinsam mit einem alten Freund aus Kindheitstagen macht Mona sich auf die Suche nach ihrer Oma. Im Laufe eines langen Sommers taucht sie tief ein in die Familiengeschichte und stößt auf falsche Erinnerungen und erschreckende Geschehnisse, von denen kaum jemand weiß. Denn Annemie hat alles dafür gegeben, das Schweigen aufrechtzuerhalten, damit niemand redet, in diesem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kennt.

„Das Flüstern der Marsch“ von Katja Keweritsch ist eine Familiengeschichte, die ein Geheimnis birgt.

Mona kommt zum 80. Geburtstag ihres Opas in die Marsch. Ihre Oma Annemie scheint verschwunden zu sein, was bei Monas Opa nicht unbedingt für Aufregung sorgt. Auch der Rest der Familie scheint sich nicht sonderlich für Annemies Verschwinden zu interessieren. Es wird eine Vermisstenanzeige gemacht aber auch die Polizei engagiert sich nicht sonderlich. So bleibt Mona nichts anderes übrig als selbst nach ihrer Oma zu suchen.
So kommt es das Mona tiefer als es ihrem Opa lieb ist in die Familiengeschichte auftaucht. Sie stößt auf das Bild eines Babys, dass weder ihre Mutter noch deren Brüder zeigt. Welches Geheimnis versucht die Familie zu verschleiern?

Katja Keweritsch spiegelt in ihrer Geschichte die ruhige Atmosphäre der Marsch wider. Doch es passiert trotzdem so viel in der Geschichte. Im Mittelpunkt stehen die Frauen aus verschiedenen Generationen der Familie. Aus ihren Perspektiven wird die Geschichte auch erzählt.
Jeder wird ein extra Erzählstrang gewidmet. Die Autorin vermittelt in ihrer Geschichte wie schwer es für eine Frau ist, wenn sie ungewollt schwanger wird. So am Beispiel der Oma Annemie. Sie wurde als junges und unverheiratetes Mädchen schwanger. Viel Rechte, um über ihr Kind zu bestimmen hatte sie nicht.
Genauso ging es Tante Janne, auch sie wurde schwanger, hat den Vater des Kinds aber geheiratet und blieb in einer unglücklichen Ehe gefangen. Auch Mona ist schwanger. Mittlerweile hat sich die Zeit aber geändert und sie bekommt keinen Druck und keine Vorschriften.

Katja Keweritsch erzählt eine Familiengeschichte, in der sich die Familienmitglieder oft sehr kaltherzig begegnen. Irgendwie ist keine Liebe und keine Geborgenheit zu finden. Man kann nur hoffen, dass Mona, die ja etwas freier aufgewachsen ist es besser macht.

Die Charaktere sind gut gezeichnet und lebendig. Besonders die Frauen haben in der Familie zu leiden. Sie werden in der Geschichte eingehend beschrieben und man sieht die Entwicklung, die den Frauen etwas mehr Rechte zusteht. Annemies Geheimnis kommt langsam ans Tageslicht.

Katja Keweritsch hat eine flüssigen und gut verständlichen Schreibstil. Die Geschichte hat mich schnell gefesselt und ich bin tief eingetaucht.

„Das Flüstern der Marsch“ ist eine Familiengeschichte, ich nur empfehlen kann.

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104

Susanne Abel
Roman
532 Seiten
erschienen im dtv Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den dtv Verlag für das Rezensionsexemplar

Eine bewegende Familiengeschichte

Klappentext:
Am Ende des Zweiten Weltkriegs wird mitten in Deutschland ein kleiner Junge gefunden, der nichts über sich selbst und seine Herkunft weiß. Sein Alter wird geschätzt, er bekommt den Namen Hartmut und wächst in einem katholischen Kinderheim auf, in dem viel Ordnung und noch mehr Zucht herrscht.
Dort lernt er die etwas ältere Kriegswaise Margret kennen, die ihn Hardy nennt und schon im Heim zu beschützen versucht. Die beiden werden zu einer unverzichtbaren Stütze füreinander und beschließen, sich nie wieder loszulassen. Doch während sie mit aller Kraft versuchen, gemeinsam das Geschehene zu vergessen und ein normales Leben zu führen, werden die Folgen ihrer Vergangenheit auch für die nachkommenden Generationen bestimmend.

„Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104“ von Susanne Abel, ist ein Roman, der mich sehr berührt hat. Susanne Abel ist vielen Leser*innen durch ihre Gretchen Reihe bekannt.

Ende des 2. Weltkriegs wird ein Junge gefunden. Er weiß nicht, wie er heißt und auch nicht wie alt er ist. Er kommt in ein katholisches Kinderheim und bekommt den Namen Hartmut. Hartmut wird dort all das erleben, was man von katholischen Kinderheimen gehört hat. Alles im Namen der Kirche. Dort lernt er das etwas ältere Mädchen Margret kennen. Sie nennt in Hardy und nimmt sich vor ihn zu beschützen. Bald ist Margret sein einziger Halt.

Susanne Abel hat mit „Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104“ einen Roman veröffentlicht, der mich manchmal emotional sehr mitgenommen hat. Schonungslos schildert die Autorin die Zustände in diesem Kinderheim. Strenge Nonnen und Pfarrer, Schläge bis hin zum Missbrauch. Strafe wie Hunger leiden. Sogar Medikamente wurden den Kindern verabreicht.

Susanne Abel erzählt die Geschichte auf zwei Zeitebenen. In der Gegenwart steht die Urenkelin Emily im Mittelpunkt. Ermily kennt ihren Vater nicht und die Mutter ist oft völlig überfordert, weswegen sie oft bei den Urgroßeltern ist. Emiliy stellt viele Fragen, die die Urgroßeltern nicht beantworten. Zu tief sitzt die Erinnerung und der Charm.

In den Rückblenden erleben die Leser*innen hautnah das Schicksal von Hardy und Margret. Manche Stellen sind sehr schwer zu lesen und ich musste das Buch manchmal sinken lassen und durchzuatmen bevor ich weitergelesen habe. Ich finde so eine Geschichte immens wichtig und frage mich, wie viele Menschen aus dieser Generation ein ähnliches Schicksal durchlebt haben. Ein Schicksal, dass sie ihr ganzes Leben begleitet und das Auswirkungen auf die folgenden Generationen hat.

Die Charaktere die Susanne Abel ins Leben gerufen hat sind sehr gut gezeichnet. Ich habe mit Hardy und Margret mitgefühlt. Ich habe erlebt, wie die Geschichte Auswirkungen auf Kind und Kindeskinder hat.

Die Atmosphäre in der Geschichte wechselt von locker bis ins Bedrückende. Der Schreibstil von Susanne Abel ist flüssig und gut verständlich.

„Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104“ ist ein Roman, der mich so berührt hat, wie lange keine Geschichte mehr. Ich werde das Buch lange im Kopf behalten.

Die Königin von Dirt Island

Donal Ryan
Roman
368 Seiten
Übersetzt aus dem irischen Englisch von Anna-Nina Kroll
erschienen im Diogenes Verlag
Meine Bewertung:
5 von 5 Sternen

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar

Berührende Familiengeschichte

Klappentext:
Nach dem Tod ihres Mannes bringt Eileen ihre Tochter allein durch und verzweifelt fast, als sich die Geschichte wiederholt und auch ihre eigene Tochter jung und unehelich Mutter wird. Doch in den Frauen der Familie Aylward stecken Kraft und Mut, und es reicht ihnen längst nicht, nur eine Nebenrolle im Leben zu spielen.

„Die Königin von Dirt Island“ von Donal Ryan, ist eine Familiengeschichte, die berührt

Eileen wurde unplanmäßig schwanger. Bevor das Kind zur Welt kommt, heiratet sie noch, doch ihr Mann stirbt kurz nach der Geburt des Kindes. Ihre eigene Familie hat sie verstoßen, da sie schwanger wurde und nicht verheiratet war.
Jetzt muss Eileen das Kind allein großziehen. In ihrer Schwiegermutter findet sie Unterstützung.
Das Schicksal scheint sich zu wiederholen, den auch Eileens Tochter wird ungewollt schwanger.

Donal Ryan hat wundervolle Charaktere erschaffen. Die Freundschaft der Frauen aus drei Generationen der Familie ist herzerwärmend. Eileen, ihre Schwiegermutter die Tochter Saoirse werden gut beschrieben und ich habe sie schnell ins Herz geschlossen.

Die Geschichte wird von Donal Ryan aus weiblicher Perspektive erzählt. Der Autor kann sich sehr gut in die Frauen einfühlen.
Die Geschichte erzählt das Aufwachsen von Saoirse, die auch sehr früh schwanger wird. Sie erzählt von der Freundschaft zwischen Eileen und ihrer Schwiegermutter und von der Liebe Saoirses zu ihrer Großmutter. Es wird aber auch die Schattenseite gezeigt, wie schwer es für Eileen ist allein ein Kind großzuziehen und wie sehr sie das Zerwürfnis mit ihrer Familie belastete.

Der Schreibstil von Donal Ryan ist teilweise poetisch, vor allem aber flüssig, gut verständlich und humorvoll.

„Die Königin von Dirt Island“ ist eine wunderschöne und herzerwärmende Familiengeschichte, die ich mit großer Freude gelesen habe.